Deutschland, erzähl deine Geschichten!

Nationale Probleme bedeuteten seit jeher gründlich Material für Kunst und Unterhaltung. Trump ist ein Segen für die amerikanische Comedy und Late Night-Szene, das politische System voller Intrigen bietet Stoff für spannende Serien und ohne die italienische Mafia in Übersee gäbe es keine Sopranos, keinen Paten. Schaut man sich Deutschlands Film- und Fernsehlandschaft an, so hat man das Gefühl, die DDR und ermittelnde Kommissare wären das einzige, woraus dieses Land besteht. Die Serie 4 Blocks zeigt endlich mal, dass auch Deutschland spannende Probleme hat, aus denen man eine intelligente Unterhaltungsshow kreieren kann. 

Dallas Buyers Club, Wolf of Wallstreet, Der Pate, Boardwalk Empire, The Wire. Die Liste amerikanischer Serien und Filme, die über die Historie des Landes oder die aktuelle Lage erzählen, ist lang. Weil in den USA einfach mehr passiert, während Deutschland auf der Ebene eher ruhig ist, mag man meinen. Doch 4 Blocks zeigte nun, dass auch Deutschland Probleme hat, die verfilmt werden können. Das Geschäft und Privatleben einer arabischen Großfamilie in Berlin wird uns in der Serie präsentiert. Endlich wird ein schwieriges Thema wie dieses in Deutschland einmal nicht mit Samthandschuhen angefasst, oder vom Polizeipräsidium aus moralisch weit genug entfernt beobachtet, sondern man erlebt alles mittendrin. Authentische Darsteller, allen voran der Rapper Veysel, führen uns in die Welt der Familie ein, die verschiedenen Ebenen des Clans, die Rolle der Frau, die Rolle des Staates. Gesellschaftskritik an verschiedenen Stellen blitzt auf, im Vordergrund steht aber stets die spannende Geschichte und eben nicht die moralische Keule. 

4 Blocks hat es vorgemacht und viele sollten nachziehen. Denn wer behauptet, in Deutschland gäbe es keinen Stoff für spannende Geschichten, der irrt sich. Was ist mit Absprachen deutscher Politiker mit Automobilherstellern bezüglich der CO2-Grenzwerte, mit Waffenverkäufen deutscher Rüstungskonzerne in Krisengebiete, mit deutschen Neonazis, mit Sozialabbau in Deutschland, der tausende Betroffene jedes Wochenende zu gemeinnützigen Tafeln zwingt. All diese Themen, sind sie jetzt vollkommen wahr oder nur teilweise, bieten die Grundlage, um spannendes Entertainment darauf aufzubauen. Es scheint, als traue man den Deutschen nicht zu, an die Realität angelehnte Unterhaltung von der Realität zu unterscheiden. Wenn der Unterschied zwischen real und realistisch auch im deutschen Medienbetrieb angekommen ist, dann kriegen wir ja vielleicht mal eine Art deutsches House of Cards, anstatt den nächsten Tatort. Denn wo es vielleicht an wahren Geschichten fehlt, da muss nur der Rahmen passen und das ist bei dem deutschen Politikbetrieb mit Sicherheit der Fall. Wichtig ist dann, nicht plump zu kopieren, sondern etwas Eigenes zu kreieren.

Es passiert mehr in Deutschland, als Kommissare, die ermitteln. Die Branche muss lernen, nationale Geschichten ohne den ständig belehrenden Zeigefinger zu erzählen, denn dieser nutzt sich so schnell ab, dass die Qualität enorm darunter leidet. Außerdem erdrückt diese Machart jegliche Vielschichtigkeit. Was hinter dem Mörder, dem Nazi, dem Waffenhändler steckt, weckt das Interesse. Die HBO-Serie die Sopranos handelt von der New-Jersey-Mafia und man identifiziert sich mit einigen Mafiosi, denn diese haben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Emotionen, ihre eigenen privaten Probleme. The Wire, ebenfalls von HBO, zeigt uns beides, den Dealer von der Ecke und den Cop, der ermittelt. Keiner bekleckert sich dabei mit Ruhm, was Realismus erzeugt und Interesse weckt. Auch so etwas muss sich Deutschland häufiger trauen. Man darf auch mal mit dem Verbrecher mitfühlen, denn die Welt ist nicht Schwarz/Weiß. Dass dies auch der deutsche Konsument verstehen kann, sehen die Produzenten nun hoffentlich dank 4 Blocks.  

Serientipps: 4 Blocks, Borgen, Die Sopranos, The Wire, House of Cards, Boardwalk Empire