Die drei großen Enttäuschungen des Filmjahres 2017

Es gab jede Menge tolle Filme im Jahr 2017 und in meiner Top 10 habe ich euch meine persönlichen Highlights vorgestellt. Dennoch hatte das Jahr auch einige Enttäuschungen zu bieten. Großartige Themen und Vorlagen wurden vollkommen falsch angegangen und auch Netflix muss sich Kritik gefallen lassen. Nicht um die schlechtesten Filme des Jahres geht es hier, sondern um vertane Chancen und enttäuschte Erwartungen. 

2017, das Jahr, in dem Amazon Alexa und Google Home endgültig salonfähig wurden, in dem die Digitalisierung weiter vorangetrieben wurde und mit ihr die Möglichkeiten der Überwachung eine neue Stufe erreichten. Kaum ein Thema ist so aktuell und interessant wie der technische Fortschritt und die damit verbundenen Chancen und Gefahren. Filme wie Ex-Machina oder Blade Runner 2049 sind aktuelle Beispiele für große Werke über künstliche Intelligenz, Brazil zeigte schon 1985 die Gefahr der konzentrierten Informationshoheit beim Staat und viele Episoden der Serie Black Mirror griffen ebenfalls die Risiken der technischen Entwicklung auf. The Circle erschien 2017 in den deutschen Kinos und weckte Hoffnung, einen weiteren Aspekt, eine weitere Vision des keineswegs auserzählten Themas auf der Leinwand genießen zu dürfen. Von Genuss darf bei The Circle allerdings keine Rede sein. Die hochgelobte Dystopie aus der Buchvorlage verschwimmt hinter einer schier endlosen Abfolge an Apple-Keynotes und eingeblendeten Facebook-Komentaren. Die interessante Grundidee, dass ein Superkonzern, entstanden aus Facebook, Google und Apple, die gesamten Informationen über die Menschheit besitzt und diese nutzt, um unter dem Vorwand von Menschenrechtsverletzungen völlige Transparenz zu schaffen, verkommt aufgrund der absurden Charakterzeichnung zu einer Farce. Die Dialoge sind schlecht geschrieben, die erzählte Geschichte innerhalb des Settings wirkt nicht komplett ausgearbeitet und Emma Watson kommt ebenso wenig zur Geltung wie Tom Hanks. Ein Film, der einfach nur belanglos hätte sein können, aufgrund seiner spannenden Thematik jedoch Potenzial verschenkte und somit enttäuschte. 

Stephen King selbst bezeichnet seine Buchreihe Der Dunkle Turm über den Revolvermann Roland als sein wichtigstes Werk. Die Geschichte wird über sieben Bände und 30 Jahre erzählt und hat mich beim Lesen sofort in seine Welt gesogen. Das von King erschaffene Multiversum ist unfassbar interessant und voller Details, die Charaktere passen so gut zusammen, wie sie verschieden sind und der dunkle Turm bleibt viele Bücher lang etwas Unbestimmtes, was allein durch die Ehrfurcht, die Roland diesem gegenüber verspürt auch für den Leser zu etwas Besonderem und Spannendem wird. Ein Mysterium in dieser Wüste, das für alle existierenden Universen bedeutsam ist. Der Film The Dark Tower sah dies wohl etwas anders. In einem völlig belanglosen Film erzählt Regisseur Nicolaj Arcel die Geschichte um den dunklen Turm, indem er alle Bücher zusammenwürfelt und sich aus jedem Buch ein paar Versatzstücke heraussucht. In nur einem Film schafft er es, jede Chance auf folgende bessere Verfilmungen des Werks zu zerstören, da er nicht nur einen grausig schlechten Film abliefert, sondern sich auch noch anmaßt, am Ende den Turm, den Roland sieben Bücher lang zu erreichen versuchte, (Spoiler) zu zerstören. In nur einem Film führt Arcel uns weder in die Welt ein, noch bringt er uns auch nur einen der so wunderbar geschriebenen Charaktere näher, sondern verwandelt die Geschichte in einen inhaltsleeren Actionfilm ohne Tiefe. In nur einen Film pressen die Produzenten aus unerfindlichen Gründen das gesamte Epos, so sehr verkürzt und verdreht, dass Buchleser und Fans ob der Zerstörung ihres Meisterwerks völlig verständnislos den Kopf schütteln, Nicht-Leser ebenfalls völlig verständnislos sind, da ihnen Hintergründe en masse fehlen. The Dark Tower hätte eine Filmreihe von epischem Ausmaß werden können, doch das Projekt endete im exakten Gegenteil. Enttäuschend, da diese Herangehensweise völlig unerklärlich bleibt. 

2017 war das Jahr, in dem Netflix seine Filmoffensive startete. Nachdem 2016 bereits einige Filme von Netflix produziert und veröffentlicht wurden, so stieg diese Zahl 2017 um das Dreifache und der Konzern erklärte dem Kino endgültig den Krieg. Eine Chance für jeden Film-Fan, da Netflix den Filmemachern laut den Aussagen von Beteiligten sehr viele Freiheiten zugesteht, während die großen Kino-Studios eher in Richtung Kontrolle und Einschränkung tendieren, was ein gleichgeschaltetes Blockbuster-Kino á la Marvel zufolge hat. Diese Freiheiten zu gewähren, funktionierte bei Filmen wie Okja, The Meyerowitz Stores und Mudbound sehr gut, während Filme wie #realityhigh und The Babysitter offenbarten, dass nicht jeder unkontrollierte Regisseur gleich ein Meisterwerk abliefern kann. Dass fehlende Kontrolle kein Qualitätsgarant ist, war jedoch auch nicht zu erwarten und ist dementsprechend nicht weiter problematisch. Problematisch ist es, dass Netflix zum Jahresende mit ihrem bis dato größten Budget einen Film herausbrachte, der sich keineswegs mehr besonders anfühlt. Bright von David Ayer bekam von Netflix ein Budget von 90 Mio. Dollar. Der Mann, der bereits Suicide Squad verbrochen hatte, erhielt ein Budget, was auch einige qualitativ hochwertige Filme hätte finanzieren können und sein Film wird sehr stark beworben, während ein Meisterwerk wie Mudbound beinahe von niemandem wahrgenommen wird. Dies lässt befürchten, dass sich Netflix dem Kino auf der High-Budget Ebene eher anbiedert, anstatt sich abzugrenzen. Bright erzählt die Geschichte einer modernen Welt, in der Elfen, Orks und Menschen gemeinsam leben. Eine Prämisse, auf der man hätte aufbauen können, doch leider verfängt sich Bright nach einem sehenswerten Start in absurden Geschichten über Magie, Zauberstäbe und Brights, bei der niemand so recht durchblickt, geschweige denn versteht, weshalb es nicht auch ein unterhaltsamer Buddy-Cop Film über Ausgrenzung und Vorurteile getan hätte. Die Verstrickung in krude Handlungsstränge auf Kosten der Charakterentwicklung, der Glaubwürdigkeit der Geschichte und der gesamten Qualität erinnert eindeutig an Ayers Suicide Squad und unterscheidet sich so in keinster Weise mehr von dem Kinoblockbuster-Einheitsbrei. Obwohl Bright nicht ganz so schwach war wie The Circle oder The Dark Tower, ist er aufgrund der Umstände dennoch eine der großen Enttäuschungen des Jahres. 

Filmtipps: Brazil, Ex Machina, Blade Runner 2049, Mudbound, Okja, The Meyerowitz Stories